eine junge bestandsaufnahme

kuratiert von Nicole Puckermayr

In seinem fortlaufenden Arbeitszyklus "when if becomes when" beschäftigt sich Peter Rieser mit der Ordnung des Flüchtigen. Dabei setzt er sich mit den Grenzbereichen zwischen Naturidyll und technischer Realität auseinander und versucht zu ergründen, wie Bewegungen und Spuren das Geflecht unserer Welt definieren. Als visuelles Gegenstück zu seiner aktuell parallel in der Neuen Galerie stattfindenden Arbeit zeigt er hier ein Projekt, das den Betrachter einlädt, einen Schritt zurückzutreten und sich einen Überblick in einer zunehmend beschleunigten Welt zu verschaffen. In der Tradition von John Szarkowskis Untersuchung Mirrors and Windows fungieren diese Arbeiten sowohl als Fenster in eine ökologisch belastete Welt als auch als Spiegel unserer eigenen Wahrnehmung.

Das Universum besteht aus Übergängen. In der 14-teiligen Serie der Krähenschwärme wird die „unsichtbare Ordnung“ der Schwarmintelligenz greifbar. Die Vögel, Wintergäste aus dem Osten und mythologische Grenzgänger zwischen den Welten, wirken dabei wie Noten auf einem Blatt Papier. Im Sinne von Gilles Deleuze’ Hauptwerk Differenz und Wiederholung sehen wir hier nicht das ewig Gleiche, sondern das „Werden“ der Welt in 14 Akten: Ein fließender Prozess des Entstehens und Vergehens, in dem jede Wiederholung eine eigene, neue Differenz markiert.

Dieser Transit findet seine Fortsetzung im Globalen. Das zentrale Werk o.T. (Flugzeug vor Wolkenwand) zeigt den Flug EN8015 nach München, acht Minuten nach dem Start über dem Grazer Becken am 11. Jänner 2026. Hier scheint sich die Grenze zwischen Natur und Technik allmählich aufzulösen. Der Regionaljet, ein winziges menschliches Artefakt inmitten einer gewaltigen, fast bedrohlichen Wolkenlandschaft des Abendhimmels, thematisiert das Erhabene, ohne dabei die Realität des Anthropozäns zu negieren. In Anlehnung an Roland Barthes’ Die helle Kammer fungiert das Flugzeug als Punctum: Ein winziges Detail, das die reine Ästhetik des Himmels durchbricht und den Betrachter unmittelbar trifft.

Peter arbeitet mit einem „visuellen Pendel“. Die Arbeit führt uns vom Kleinsten, dem einzelnen Flügel der Krähe, über das Stoffliche des im Wasser treibenden Holzes (Panta Rhei) bis hin zum Jet am Horizont. Wie Stephen Shore in The Nature of Photographs beschreibt, bewegt sich die Wahrnehmung hier zwischen der rein abbildhaften Ebene und dem mentalen Bild im Kopf des Betrachters. Dabei stellt sich die medientheoretische Frage nach der Information: Was nehmen wir wahr? Mit den Ansätzen von Lambert Wiesing (Die Sichtbarkeit des Bildes) lässt sich konstatieren, dass hier nicht nur Objekte gezeigt werden, sondern die Phänomene im Bild selbst zum Thema werden. Der scheinbar „leere“ Himmel wird dabei als politischer Raum entlarvt, ein Ort der Aufklärung und zugleich der Überwachung.

In einer Zeit, in der alles gefühlt immer schnell zu werden scheint, ist dieses Projekt ein Plädoyer für das Innehalten. Es ist eine Einladung, die Welt nicht als Ansammlung von Dingen, sondern als ein Geflecht von Bewegungen zu begreifen.

o.T. (Uhrwerk, Herz-Jesu Kirche)
Stereo Audioloop, 1 Min.

View 1 View 2 View 3 View 4 View 5 View 6 View 7 View 8 View 9 View 10 View 11 View 12
Detail 1
o.T. (Baum, Reflexion), 2024, Ljubljana
60 × 80 cm
Pigment-Inkjet Fine Art Print auf Hahnemühle Photo Rag Baryta 315 g/sm
3 + 1 AP
Detail 2
o.T. (Flugzeug vor Wolkenwand), 2026, Graz
240 × 320 cm
Latex Print auf PES, Tidersign B-570 FR
Detail 3
Gradient II (Gradient mit Wolke), 2026, Graz
97 × 59,2 × 19,7 cm
4K QLED Monitor
Detail 4
o.T. (Krähen-Formation Nr. 1-14), 2026, Graz
Serie aus 14 Aufnahmen, diverse Maße
Pigment-Inkjet Fine Art Print auf TECCO BPM220 Backlit Premium Matt 270 g/sm
Detail 5 Detail 6 Detail 7 Detail 8 Detail 9 Detail 10 Detail 11 Detail 12 Detail 13 Detail 14 Detail 15 Detail 16 Detail 17